NO WAY

Lisa wachte früher auf als sonst. Da sie die Läden im Schlafzimmer bei gekippten Fenstern nur halb heruntergelassen hatte,sah sie, daß draußen der Morgen graute.Der Wecker würde so bald noch nicht klingeln. -  Als sie sich eben wieder in die Kissen kuscheln wollte, hörte sie aus einer der dunklen Ecken des Zimmers ein halblautes„Hallo“und dann : „Lisa, bist du wach?“ Jetzt erkannte Lisa eine dunkle Gestalt in der Ecke. „Johannes?“ fragte sie, und sie begann leicht zu zittern.

Aus der dunklen Ecke kam zuerst ein Räuspern.

„Daß du meine Stimme gleich erkannt hast.“

Lisas Blick umfaßte die dunkle Gestalt in der Ecke : „Weißt du, ich habe dich so oft, so oft und so gern sprechen hören, damals.“

„Ja, damals.“

„Deine Stimme, weißt du,gerade deine Stimme, die hat mich von Anfang an fasziniert. Und ich gehöre auch zu den Frauen, und das sind die meisten, wie ich mal gelesen habe, die über die Ohren stimuliert werden.Du hast vielleicht gar nicht gemerkt, daß ich manchmal,  wenn du gesprochen hast, die Augen geschlossen habe. Mit dir Nähe zu erleben, da war deine Stimme etwas vom Wichtigsten.“
„Hab ich gar nicht gewußt.“

„Und als du damals gegangen warst,  habe ich dich immer wieder sprechen hören, wenn du in meinen Gedanken warst. – Das hat auch oft wehgetan, du, oft  hat das verdammt wehgetan! Ich wußte ja auch nicht, ob ich dich jemals wiedersehen würde. – Den Schlüssel für die Wohnung, den hättest du ja auch irgendwann einmal in den Briefkasten werfen können.“

„Ich konnte...... Ich mußte....“ Johannes räusperte sich wieder.

„Nun bist du ja da. – Komm her zu mir, setz dich und sag mir in aller Ruhe und ganz offen, was du mir zu sagen hast.“

Johannes machte einen Schritt nach vorn, trat dann aber wieder zurück in die dunkle Ecke.

Lisa schüttelte den Kopf. „Oh, Mann, du kannst einem leidtun.Kannst dich ja einmauern in deiner Ecke. - Jetzt setz dich halt zu mir. - Als wir zum letztenmal hier beieinander waren, haben wir ja auch auf dem Bett gesessen. Ich bin mir nicht sicher, ob du dich daran überhaupt noch richtig erinnerst.“

„Und ob ich mich daran erinnere.“

„Und du bist plötzlich aufgestanden und hast mich so seltsam angesehen, so seltsam , ja. Und dann bist du gegangen. Gegangen bist du , da durch diese Tür. Einfach gegangen bist du, Johannes !“

„Ich weiß.“

„Und dann kam deine sms, deine lausige sms. Nach einer schlaflosen Nacht hab ich sie bekommen, hab ich zur Kenntnis nehmen dürfen, daß es dir leid tue. Einfach nur : Tut mir leid ! stand da. Und es wäre besser gewesen, es hätte sonst nichts mehr dagestanden. Aber da stand ja noch : „Mach’s gut !“ Das hat nicht nur wehgetan, das hat mich auch noch richtig wütend gemacht. War schon dein „Tut mir leid !“ eine Ohrfeige für mich, dann war dieses „Mach’s gut !“ noch eine doppelte Ohrfeige !“

Lisa hatte sich im Bett aufgesetzt. Johannes ließ seinen Blick über ihre Umrisse gleiten. Wie weh das tat, ihr offenes Haar zu sehen, das sich über ihre hellen Schultern ergoß, wissen, wie heftig sie atmete, wissen, daß sie auf ihn wartete, jeden Augenblick damit rechnete, daß er zu ihr kam, und in der dunklen Ecke bleiben zu müssen.

„Solche Allerweltsfloskeln angesichts dieser Situation, daß da einer geht, einfach vom Bett aufsteht und geht, und nachher heißt es : „Mach‘s gut!“ Als ob man nur eben mal für eine Stunde oder so wegginge! - Natürlich kann man auseinandergehen, natürlich. Aber darüber muß man reden. Und derjenige, der gehen will, sollte dann doch wohl einige Takte davon zu reden haben, daß einem der andere schon etwas bedeutet hat. Man muß doch das Selbstwertgefühl des anderen nicht kaputtmachen oder kaputtgehen lassen! - Was traut man sich da noch zu,wenn einem das Selbstwertgefühl zertrümmert wurde ? – Ich habe mich immer wieder gefragt, welchen Stellenwert ich eigentlich bei dir hatte.“

Johannes schluckte. Dann sagte er : „Du hast natürlich recht. Ich hab dir unheimlich wehgetan, ich weiß!“

„Nun komm schon , ich beiß dich nicht !“ Lisa machte eine einladende Handbewegung. – „Wir hatten uns noch nicht einmal geküßt,als wir damals auf diesem Bett hier saßen.Gesessen haben wir, denn du hast mich nicht in die Kissen gekippt, mich nicht flachgelegt: keine Besitzergreifung, sondern Begegnung ! Und du hast  zu mir gesagt : Gib mir deine Hände. Und als ich sie dir gab, sie in die deinen legte, das war so ein wundervolles Gefühl, meine Hände in deinen Händen zu wissen . Mir war es, als wäre ich ganz, als wäre meine ganze Person mit allen meinen Empfindungen in deinen Händen , die sich so unheimlich gut anfühlten.“

„Deine Hände haben sich auch unheimlich gut angefühlt.“

„Und du hast auf unsere Hände geschaut und gesagt, daß du in einem Gedicht gelesen hättest, wie dort beschrieben wird, wie eine Frau ihre Hände in die eines Mannes legt und er diese Hände wie ein Geschenk empfindet.“

„In meiner Hände hingehaltne Schale
legst du sie leicht gelenk
wie ein Geschenk.“

Ja, genau, so hast du das gesagt. -  Du hast nicht nur meine Hände, sondern auch mein Herz berührt. Hast lange nur auf unsere Hände geschaut, hast dir so – so Zeit genommen für alles, ja. - Und als du mir in die Augen sahst, da war dein Blick so, wie ich es mir immer wieder gewünscht hatte.  -  Und meine Augen sagten : Küß mich !  -  Und du, du hast mich plötzlich so ganz anders angesehen, so fremd war dein Blick auf einmal!  Und du hast es fertiggebracht, aufzustehen und zu gehen. In dieser Situation! -  Und dann dieses bißchen sms und dann lange nichts mehr, überhaupt nichts mehr !“
„Du hast sehr gelitten, ich weiß.“

„Warum hast du das zugelassen ? Warum, verdammt nochmal!“

„Ich wollte schon, ich wollte  ja......“ Johannes zögerte.

„Du wolltest, wolltest, hast aber nicht! – Was denn aber nun? Was wolltest du?“

Johannes wußte, daß er in den nächsten zehn Sekunden entweder zu ihr gehen, sich zu ihr setzen, sie in die Arme nehmen und dann in ihrer Körperwärme, in der Fülle ihrer Haare, in ihren Küssen,in ihr, ertrinken würde -  oder das sagen mußte, was er damals noch nicht wußte, jedoch für möglich halten mußte und was jetzt mit absoluter Sicherheit feststand. – Lügen? Nein ! Lügen würde er nicht über die Brücke schicken, die Lisa zwischen sich und ihm aufgebaut hatte.
„Hast du eine andere?“

„Jetzt einfach nur ja sagen, wie leicht das wäre!“ duchfuhr es Johannes. „Oder einfach sagen : Ich bin schwul.“

Wie leicht wäre das jetzt mit dem Lügen, wie leicht, zumal sie ihm dabei noch entgegengekommen wäre.Aber er würde keine Lüge, keine giftige Kröte, über Lisas Brücke kriechen lassen.

„Wenn das so lange dauert, bis du mir antwortest....Du kannst mir alles sagen.“

„Ich hatte eine, oh Gott,ja,und was für eine ich hatte“,sagte Johannes in bitterem Ton.Neben dir könnte ich gar keine andere haben.  Du bist schön, zum Träumen schön bist du.  Mit dir zusamenzusein, dir nahe zu sein: ein Erlebnis der besonderen Art. - Du bist ein Supertyp von Frau...“

„Jetzt hab ich die Augen wieder geschlossen, sprich weiter, ich spüre, daß du noch mehr sagen möchtest, ich höre dir zu, mit geschlossenen Augen.“

„Übertreibst du da nicht, Johannes ? Vielleicht glaubst du, daß du es mir schuldig wärst, so zu reden.“

„Ich werde die Augen erst wieder aufmachen, wenn du bei mir bist, wenn ich dich spüre, dich wieder bei mir habe.“

Lisa öffnete die Augen schließlich, weil ihr mit einemmal  bewußt wurde, wie still, wie bedrohlich still es im Zimmer war.  
Sie sprang aus dem Bett, blieb stehen. Und im selben Augenblick wußte sie, daß der Mann, der in der dunklen Ecke gestanden  hatte,  nicht mehr da war.

Als sie das Licht anknipste,  zitterte sie am ganzen Leib.

Nach einem kurzen Blick in die leere Ecke sah sie auf einem Stuhl den Schlüssel und daneben ein zusammengefaltetes Stück Papier. Hastig faltete sie es auseinander, las , verstand zunächst nicht , was das sollte, Gesundheitsamt? Las weiter, weiter.Erreichte schließlich  jenes Wort, das normalerweise so einen guten Klang hat, immer und immer wieder im Leben Gutes bedeutet,auch in diesem Fall im ersten Augenblick signalisiert: Na also, alles ok! - Und im nächsten Augenblick wie eine fauchende schwarze Katze ins Bewußtsein springt, sich festkrallt, nicht mehr losläßt,  nie mehr. - Lisa las alles noch einmal. Und als sie wieder bei diesem Wort ankam,begann sie zu weinen, ließ sie das Blatt auf den Boden fallen, warf sich auf ihr Bett, starrte zur Decke.

Und dort stand auf einmal dieses Wort, stand dort in großen Buchstaben:     POSITIV.....