Gotische Wasserspeier

Längst angedunkelt schon der spröde Stein, im Licht des Vollmonds fahl, fast blaß.
Und aufgerissen weit die dunklen Augen und das große Maul.

Und Mitternacht, und ihren schrillen Schreien hinterher in steilem Sturz aufs harte Pflaster prallen sie.

Doch keiner bleibt dort unten liegen, sie stehen auf, die Leiber wachsen hoch empor, sie schwellen an und sind nun hohe, mächtige Gestalten.

Und alle sammeln sie sich vor dem Turm, dem hohen.

In langer Reihe, lautlos wogend und im Kreise schreitend, beginnen sie nun ihren Tanz : voran ein Pferd, weit aufgebläht die breiten Nüstern; dem Roß folgt Aug' und Aug' und Aug' und Aug' und Maul und Maul und Kopf und Kopf, folgt Drachenkopf und Drachenflügelpaar, folgt Löwenkopf und Hundekopf und Widderkopf und Rinderkopf und Adlerkopf und Satanskopf.  -  Ganz hinten, unablässig, hebt und senkt sich noch ein Zackenflügelpaar, und unten auf dem Boden windet, ringelt sich  ein Drachenschwanz.

Und Glockenschlag und leergefegt der weite Platz.

Und alle wieder sind zurückgekehrt dorthin, wo sie vorher gewesen, und auf das Mauerwerk wirft wieder seinen Schatten jeder, den der Mond bescheint.
Und alle sind bereit schon wieder für den nächsten Schrei und Fall  -  und Tanz.

Und nichts gehört und nichts gesehen haben die, die schmal und still auf ihren Sockeln stehn : hoch aufgerichtet die Madonnen und die Heiligen, von denen sich der Blick nun wieder löst, um hinzugleiten über aufgeriss'ne Augen, Mäuler, spröden Stein.